Den „Google-Effekt“ fürs Handwerk rezensiert

von Guntram Stadelmann am 25. August 2010

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Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich – der ich mich hiermit als mehr oder minder passionierter Leser oute – reflektiere Bücher auf verschiedene Art und Weise. Bei einem Roman von Grass, Dickens und Konsorten interessieren mich zunächst einmal deren Sprache und die daraus entstehenden Bilder. Den Lesefluss mag ich möglichst nicht unterbrechen, weshalb ich weitestgehend auf Notizen und Markierungen im Buch verzichte. Anders bei Sachbüchern. Da sei mir der Vergleich zu den Gastronomietestern aus TV und „realem“ Leben gestattet: Immer auf der Suche, bereits tausendfach Durchgekautes vor Augen, aber nicht müde, auf schmackhafte Happen zu stoßen, die so bis dato noch nicht oder zumindest nicht in dieser Zusammensetzung für mich zubereitet worden sind.

Nun hat der Kalifornier Douglas C. Merrill rund 300 Seiten zum „Google-Effekt” vorgelegt. Als Doktor der Psychologie und bis 2008 Informationsvorstand beim US-Unternehmensriesen mit dem Doppel-o hat Merrill – korrigieren Sie mich, sollte ich mich täuschen – auf den ersten Blick wenig mit Ihnen oder mir gemeinsam. Was seine Expertise jedoch für uns „Mittelständler“ interessant macht ist, dass er quasi auf höchster Ebene verantwortlich zeichnete, wie man das Wissen der Welt so ordnet und strukturiert, dass wir und jeder andere auch schnell und effektiv darauf zugreifen können. Übertragen wir das Ganze nun zum Beispiel auf Ihren, wenn auch weitaus kleineren, so doch aber modernen Handwerksbetrieb, basiert auch Ihr Arbeitsumfeld – weitestgehend oder partiell – inzwischen auf Faktoren wie

  • Präsenz, also die Erreichbarkeit Ihrer Person für Ihre Partner, Mitarbeiter und Kunden möglichst 24 Stunden am Tag und an sieben Tagen die Woche,
  • Geschwindigkeit, also die Nutzung schneller Breitbanddienste für die Übertragung von Daten und Informationen,
  • Interoperabilität, also der Ausbau der Dienste, Geräte und Plattformen, die einander ohne das Zutun der Nutzer „verstehen“.

Das Positive am Buch: Douglas C. Merrill schildert kein Science Fiction, sondern reale Ordnungsprinzipien, die ihn in SEINEM persönlichen Tätigkeitsfeld seit Jahren erfolgreich unterstützen. Meine Top 5 seiner Ausführungen, nicht nur in Bezug auf die drei eben von mir genannten Faktoren, sondern darüber hinaus, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

  • Unsere Entschlüsse basieren viel zu oft auf der Angst, etwas zu verlieren, anstatt auf der Hoffnung, etwas zu gewinnen.
  • Wir haben die Mittel, mit der zunehmenden Weltgeschwindigkeit mitzuhalten, aber wir trotten hinterher, weil wir unsere überholten Gewohnheiten immer noch nicht abgelegt haben.
  • Im Zeitalter der frei zugänglichen und kostengünstigen Kommunikationskanäle verbreiten sich Neuigkeiten zu schnell, um noch Jemandem Macht verleihen zu können. Es hat also wenig Sinn, den Kopf mit Tonnen von Wissen belasten. Eine viel bessere Strategie besteht darin, Informationen zu speichern und zu strukturieren, damit Sie bei Bedarf darauf zugreifen und sie abrufen können.
  • Vor dem Starten des Motors sollte man das Ziel der Reise – und die Strecke – genau kennen.
  • Für viele Leute ist Work-Life-Balance das höchste Ziel bei der Selbstorganisation. In der Welt, in der wir heute leben, ist ein solches Ziel aber eher unrealistisch.

Dabei bleibt es dann aber auch. Leider geht Merrill bei allen seinen Ausführungen stets von seinem eigenen Bedarf bzw. seinen Anforderungen aus. Und dass diese im Rahmen eines – und bei dieser Zahl berufe ich mich auf einen Eintrag bei www.netzwertig.com vom April – weltweit rund 20.000 Mitarbeiter starken Konzerns nun ganz anders aussehen als bei Ihnen oder mir, wird keiner von uns bestreiten. Ein Verantwortlicher beispielsweise in einer kleinen Tischlerei oder in einem mittelgroßen Optikerbetrieb hätte kaum noch Zeit für sein Kerngeschäft, würde er alles Scannen und Digitalisieren von Papierdokumenten, Kopieren von Textauszügen in E-Mails, diese sich selbst und zur Sicherheit auch noch dem Partner zuschicken, digitale Nachrichten farbig nach Gewichtung markieren usw., befolgen.

Mein Fazit: Teilweise frech geschrieben, die schmackhaften – weil originären – Happen, nach denen ich aber so sehnlichst gesucht hatte, blieben jedoch aus. Auf dem Markt existieren unzählige Ratgeber darüber, wie wir unser Leben besser organisieren können. Merrills ist ein weiterer davon.

Douglas C. Merrill, Der Google-Effekt, Südwest Verlag, 320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 19,95 Euro, ISBN 978-3-517-08618-7

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